Jeder, der in der Diabetesberatung tätig ist, kennt diese Situation: Man stellt sich freundlich vor, sagt, dass man die zuständige Diabetesberaterin oder der Berater ist – und wird sofort mit genervtem Augenrollen, einer ablehnenden Mimik oder einem Kommentar wie „Oh nein, nicht schon wieder!“ konfrontiert.
Warum reagieren Patienten so?
Zunächst einmal – nehmen wir es nicht persönlich! Diese Reaktionen sagen viel über die bisherigen Erfahrungen und Emotionen der Patienten aus. Häufig stecken dahinter:
- Schlechte Erfahrungen mit vorherigen Beratungen, die als oberflächlich oder wenig hilfreich empfunden wurden.
- Gefühl der Überforderung – viele Patienten haben Angst vor der Diagnose oder sind frustriert von der täglichen Therapie.
- Mangelndes Vertrauen – sie haben das Gefühl, dass ihre individuellen Bedürfnisse nicht ernst genommen werden.
- Erzwungene Beratungssituationen – viele Patienten haben nicht freiwillig einen Termin, sondern wurden vom Arzt geschickt.
Doch wie können wir als Diabetesberater:innen das ändern? Hier sind fünf konkrete Ansätze, um die Beratung in einem stationären Setting zu verbessern:
1. Die richtige Kommunikation – Was wir von Schulz von Thun und Marshall Rosenberg lernen können
Gute Kommunikation bedeutet nicht nur, Informationen weiterzugeben, sondern auch aktiv zuzuhören.
- Empathisches Zuhören – den Patienten wirklich verstehen wollen, ohne sofort Lösungen anzubieten.
- Wertschätzende Sprache – statt „Sie müssen Ihren Blutzucker besser kontrollieren“ lieber „Wie fühlen Sie sich aktuell mit Ihrer Therapie? Gibt es etwas, das für Sie nicht funktioniert?“
- Ich-Botschaften statt Vorwürfe – „Ich mache mir Sorgen um Ihre Werte“ statt „Sie machen das falsch“…
2. Die Bedeutung der Körpersprache – Was Berater beachten müssen
Unsere Körpersprache sendet oft unbewusst Signale, die entweder Vertrauen aufbauen oder Barrieren schaffen. Wichtige Aspekte:
- Offene Haltung – Arme nicht verschränken, Blickkontakt halten, auf Augenhöhe kommunizieren.
- Geduld zeigen – keine Hektik ausstrahlen, sondern Ruhe und Zeit vermitteln.
- Respekt durch Nähe und Distanz – nicht zu nah, nicht zu distanziert; je nach Patient individuell anpassen.
3. Therapieadhärenz verbessern – Vertrauen als Schlüssel
Für eine langfristig erfolgreiche Therapie ist die Therapieadhärenz entscheidend. Doch Patienten folgen Empfehlungen nur, wenn sie Vertrauen zum Behandlungsteam haben.
Was hilft?
- Gemeinsame Therapieziele definieren statt Anweisungen zu geben.
- Realistische Lösungen erarbeiten – kleine Schritte statt Perfektionismus.
- Erfolge sichtbar machen – nicht nur „Was läuft schlecht?“ fragen, sondern auch Fortschritte betonen.

4. Den aktuellen Zustand des Patienten wirklich erfassen
Jeder Patient bringt eine eigene Geschichte mit. Es reicht nicht, nur die Laborwerte anzusehen – wir müssen verstehen, wie es dem Menschen insgesamt geht:
- Wie fühlt sich der Patient mit seiner Erkrankung?
- Welche Belastungen gibt es im Alltag, die das Diabetesmanagement erschweren?
- Welche Ängste oder Frustrationen spielen eine Rolle?
Hier ist eine individualisierte Beratung wichtig – kein Patient ist „nur“ eine Diagnose.
5. Authentizität und echtes Interesse – der Schlüssel zur erfolgreichen Beratung
Oft lesen wir es nicht in Lehrbüchern, aber unsere Beratung ist nur dann wirklich effektiv, wenn Patienten spüren können, dass wir echtes Interesse an ihnen als Menschen haben.
Wie gelingt das?
- Ehrliches Zuhören – nicht nur medizinische Fakten, sondern auch persönliche Anliegen ernst nehmen. Ängste, Gedanken, Mimik, Biographie, spielen immer eine große Rolle!
- Raum geben – nicht nur reden, sondern den Patienten auch erzählen lassen.
- Menschlichkeit zeigen – nicht als „Experte von oben herab“ auftreten, sondern als unterstützender Partner.
Unsere Authentizität baut eine Brücke zum Patienten – sie ermöglicht eine Kommunikation auf Augenhöhe, schafft Vertrauen und fördert die langfristige Therapieadhärenz. Letztendlich erreichen wir damit genau das, was wir alle wollen: eine bessere Versorgung und Lebensqualität für Menschen mit Diabetes.
Die Diabetesberatung der Zukunft ist mehr als ‘nur’ Beratung: Sie ist Coaching, sie ist Verbindung, sie ist ressourcenorientierte Lösungsfindung – ein Weg zu echter Veränderung.
Eure Niki
